daniela yvonne baumann
kunsthistorikerin und kuratorin, ausstellungseröffnung
freierfall - gisela hoffmann
im galeriehaus nord nürnberg 2025.

„The only way to make sense out of change is to plunge into it, move with it, and join the dance.“ –Alan Watts

mit diesem Gedanken des britischen Philosophen Alan Watts lade ich Sie ein, sich mit einem Zustand zu beschäftigen, der viele Menschen fasziniert: mit dem freien Fall. Warum sonst würden sie sich freiwillig mit Fallschirmen aus Flugzeugen stürzen, sich in Achterbahnen setzen oder sich nur mit einem Gummiseil gesichert von Brücken fallen lassen?

Der freie Fall ist mehr als nur physikalisches Geschehen. Es ist eine Erfahrung zwischen Angst und Vertrauen, zwischen Kontrollverlust und Hingabe. Gisela Hoffmann greift mit ihren Arbeiten genau diesen Zustand auf. Der Ausstellungstitel „Freier Fall“ ist aber nicht von Extremsportarten inspiriert, sondern vielmehr durch das gegenwärtige Weltgeschehen. Unsere gewohnte Ordnung scheint – wenn man die Nachrichten liest – in einem freien Fall zu sein: Eine Pandemie hat die globale Verletzlichkeit offengelegt, ein Krieg ist nach Europa zurückgekehrt, mit weitreichenden Folgen wie Energiekrise, Inflation und der Gefahr einer Ausweitung, gleichzeitig eskaliert der Nahostkonflikt erneut. Diese Entwicklungen werden begleitet von einer zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Polarisierung, von einem rauer werdenden Ton und der Erosion von Selbstverständlichkeiten. Hinzu kommen Herausforderungen wie die Klimakrise, die Digitalisierung, der demografische Wandel und eine hohe Zuwanderung, die unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern. Die Welt befindet sich in einem umfassenden Transformationsprozess: Vertraute Strukturen lösen sich auf, ohne dass neue Ordnungen bereits erkennbar wären.

Dieser Zustand des Dazwischen – zwischen dem Alten, das man verlässt, und etwas Neuem, das noch nicht greifbar ist – durchzieht das gesamte künstlerische Schaffen von Gisela Hoffmann. Ihre Auseinandersetzung mit Raum, Linie und Wahrnehmung beginnt nicht erst im Atelier, sondern wurzelt tief in ihrer Biografie. Aufgewachsen auf der Ostseeinsel Fehmarn, war sie früh von der Weite des Horizonts, vom Wechselspiel aus Licht und Luft umgeben – Eindrücke, die bis heute in ihrer Kunst nachhallen. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Erlangen zog es sie an die Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, wo sie bei Stephan Eusemann und Hans Herpich eine konsequente Reduktion auf die elementaren Prinzipien der Kunst verinnerlichte.

Diese formale Klarheit und die Suche nach der Essenz des Raums durchziehen Gisela Hoffmanns Werk bis heute. Der Raum ist dabei nicht nur die Umgebung, in der sie ihre Arbeiten präsentiert, sondern immer Ausgangspunkt und aktiver Bestandteil ihrer künstlerischen Praxis. Hoffmann versteht ihn nicht als neutrale Hülle, sondern als Mitspieler – als Resonanzraum, den sie mit feinen Eingriffen verändert, akzentuiert und neu erfahrbar macht. Ihre Werke entstehen häufig in intensiver Auseinandersetzung mit den spezifischen Gegebenheiten des Ortes, an welchem sie gezeigt werden. Auch in dieser Ausstellung sind viele Werke in ihrer finalen Form als intuitive Reaktion auf den Raum entstanden.

Das zentrale Element im Schaffen von Gisela Hoffmann ist die Linie. In ihren Installationen „zeichnet“ Hoffmann buchstäblich Linien in den Raum, indem sie Materialien wie Polyesterbänder oder auch dünne Stäbe aus Acrylglas über Wände, Decken und Böden spannt. Aus reduzierten Mitteln entstehen präzise gesetzte Strukturen, die sich der Eindeutigkeit entziehen. Gisela Hoffmanns Installationen definieren keine festen Körper, sondern öffnen Zwischenräume, in welchen sich die Grenzen zwischen Kunstwerk und Umgebung auflösen. Ihre Arbeitsmaterialien reflektieren Licht, werfen Schatten und greifen dadurch auf den architektonischen Raum über. Dieser wird so zum Bildträger, Wände, Böden und Decken Teil des Kunstwerks.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese Dynamik in der Arbeit „Lawine / Avalanche“, dem zentralen Werk der Ausstellung. Pinkfarbene Bänder sind in einer stürzenden Bewegung von der Decke bis zum Boden gespannt – eine Installation, die den Eindruck eines plötzlichen Zusammenbruchs vermittelt. Die Spannung, die Bewegung nach unten, die farbliche Intensität: All das verweist auf eine Situation des Kontrollverlusts, wie wir sie in gesellschaftlichen Krisenmomenten erleben. Die Raumlinien sind physisch erfahrbar: Wer die Installationen umschreitet, erlebt lebendige, sich wandelnde Strukturen und wird Teil eines Spiels aus Perspektivwechseln und Wahrnehmungsverschiebungen – Linien überschneiden sich, durchdringen einander, scheinen sich aufzulösen und neu zu formieren. Diese Veränderungen lassen sich nicht durch Innehalten oder Erklären begreifen. Man muss sich – wie von Alan Watts gefordert – fallen und von der eigenen Wahrnehmung treiben lassen, Teil des Tanzes werden. Gisela Hoffmanns Kunst verführt uns dazu, unseren sicheren Standpunkt zu verlassen, in Bewegung zu geraten und uns dem Wandel hinzugeben – neugierig, offen und wach. Der Zustand der Schwebe wird zur eigentlichen Essenz des Kunstwerks: nicht als statische, sondern als fortwährende Erfahrung. Hoffmanns Arbeiten sind Ausdruck einer dynamischen Wahrnehmung, die ständig in Bewegung bleibt, sowohl im materiellen als auch im geistigen Sinne. Die Linien ihrer Werke sind so angelegt, dass sie vom Blick der Betrachtenden weitergeführt und geistig fortgesetzt werden können – als Impulse für innere Bewegung und gedankliche Weite, die über das Sichtbare hinausgeht.

2Dabei verfolgt die Künstlerin konsequent das Prinzip „Weniger ist mehr“. In ihrer künstlerischen Praxis setzt sie Eingriffe und Materialien sehr reduziert und präzise ein, um mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung zu erzielen. Trotz der häufig raumgreifenden Inszenierung ihrer Arbeiten, die in ihrer Wirkung als Großformate gelten könnten, lassen sie sich – dem sparsamen Materialeinsatz geschuldet – mitunter auf das Volumen einer Schuhschachtel reduzieren. Gisela Hoffmann arbeitet mit hochtechnischen, teils industriellen Werkstoffen und verbindet diese mit einer sehr persönlichen, handwerklich geprägten Praxis: Ihre feinen Gewebebänder färbt sie selbst ein – ein zeitaufwändiger, manueller Prozess, der dem Werk eine individuelle Note verleiht, ihm aber nicht anzusehen ist. Hoffmann arbeitet ansonsten materialgerecht und verzichtet auf Hilfskonstruktionen, um alles Überflüssige zu vermeiden. Dieses Streben nach Klarheit zielt darauf ab, einen Raum zu schaffen, der individuelle Gedanken und persönliche Interpretationen zulässt und den Betrachterinnen und Betrachtern eine unmittelbare, ungestörte Raumerfahrung ermöglicht. Die Installationen von Gisela Hoffmann sind bewusst offen und reduziert gestaltet, um Raum im Sinne von Freiraum zu eröffnen. Mit ihren minimalistischen Eingriffen und klaren, linearen Strukturen schafft sie Orte meditativer Ruhe, die zur Kontemplation einladen – als Rückzugsort in einer von Reizüberflutung geprägten Welt.

Unmittelbar neben der Arbeit „Avalanche“ befindet sich eine Wandinstallation aus lilafarbenen Bändern, deren chaotische Struktur keinen festen Rhythmus oder erkennbare Ordnung aufweist. Diese entstand während der Corona-Pandemie – eine Zeit, in der für viele Menschen die Brüche und Umwälzungen begannen, die bis heute nachwirken. Alte Sicherheiten gerieten ins Wanken, das gewohnte Leben verlor seine Stabilität. Beide Arbeiten spiegeln auf exemplarische Weise die Grundstimmung einer Welt im Übergang, in der Orientierung immer wieder neu hergestellt werden muss.

Auf der benachbarten Wand begegnet uns dann eine neue, freie Arbeit: Aus gedrehten, orangefarbenen Bändern entstehen geschwungene, feine Linien – eine Komposition von großer Leichtigkeit und Eleganz. Diese Arbeit wirkt wie ein visuelles Gegengewicht zum vorhergehenden Chaos, beinahe schwebend, mit viel Freiraum zwischen den einzelnen Elementen. Hoffmann begreift diese Zwischenräume als Leere – als atmende Offenheit, die Platz lässt für Durchlässigkeit, Bewegung und kontinuierliche Veränderung. Solche Arbeiten trifft man in Hoffmanns Ausstellungen häufig an: Sie machen erfahrbar, wie Wandel nicht nur Verunsicherung, sondern auch Potenzial in sich birgt – für neue Sichtweisen, für andere Ordnungen, für eine veränderte Beziehung zur Welt.


Die Materialität ihrer Linien erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick – immer wieder werden Hoffmanns feine, textile Gewebe irrtümlich für dünne, lackierte Metallbänder gehalten, weil sie im gespannten Zustand so stabil und starr wirken. Aus der Nähe zeigen sie jedoch eine überraschende Weichheit und Flexibilität, wie die Arbeit „Carry On“ verdeutlicht. Hier können die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher unmittelbar mit dem Material in Berührung kommen.

Diese Arbeit, die auf einem kleinen Podest an der Wand sowie auf dem Boden zu finden ist, geht auf den Großen Kulturpreis der Stadt Nürnberg zurück, den Gisela Hoffmann im Jahr 2024 erhielt. Für die feierliche Preisverleihung entwickelte die Künstlerin ein partizipatives Konzept: Alle Gäste erhielten ein einfaches Armband aus Polyestergewebe – dem Material, das Hoffmann auch in ihren Rauminstallationen verwendet. Mit diesem symbolischen Akt wurden sie Teil eines großen, kollektiven Kunstwerks. „Carry on“ ist nicht nur Erinnerung an diesen besonderen Moment, sondern zugleich ein offenes soziales Kunstwerk, das sich mit jeder neuen Begegnung weiterentwickelt. Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung können ihr Armband gegen eines in einer anderen Farbe tauschen oder es vor Ort belassen – als persönliche Spur, als Teil einer wachsenden, sich ständig verändernden Installation. Die Arbeit schafft eine direkte Verbindung zwischen dem Individuum und dem kollektiven Kunstgeschehen, sie entgrenzt Kunst über das Objekt hinaus in den sozialen Raum. So wird „Carry on“ zur Verkörperung eines wesentlichen Aspekts von Gisela Hoffmanns künstlerischem Ansatz: der konsequenten Öffnung von Kunst für Teilnahme, Austausch und Veränderung. Kunst wird hier nicht als abgeschlossene Setzung verstanden, sondern als lebendiger Prozess, der durch Begegnung entsteht. Gleichzeitig kann „Carry on“ auch als Ausdruck einer positiven Grundeinstellung interpretiert werden – als motivierende Aufforderung und Ermutigung, auch in schwierigen Zeitenweiterzumachen und sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen.

Neben den Polyesterbändern verwendet Hoffmann auch gerne fluoreszierendes Acrylglas in kräftigen Farben wie Orange, Neongelb oder Pink. Obwohl es sich dabei um ein festes, dichtes Material handelt, erscheint es durch den Einfluss von Licht nahezu entmaterialisiert – es beginnt zu leuchten und sich in der Wahrnehmung aufzulösen. Linien aus Acryl werden so zu Lichtlinien, die weniger Objekt als Erscheinung sind. Dieses Changieren zwischen Härte und Weichheit, zwischen Festigkeit und Auflösung verleiht den Arbeiten eine ganz eigentümliche, faszinierende Sinnlichkeit.

Ein weiterer Werkkomplex zeigt, dass Gisela Hoffmann nicht nur mit Linien und Räumen, sondern auch mit Sprache arbeitet. In ihren Würfelarbeiten kombiniert sie optische Strenge mit begrifflicher Reflexion: Würfel aus Kristallglas, zu drei Seiten offen, auf drei Seiten eingefasst in ein Gestell aus Edelstahl, das mit Wörtern oder geometrischen Formen beklebt ist. Durch Spiegelungen entsteht ein optisches Labyrinth – Begriffe wie „Verantwortung“, in dem auch „Antwort“ steckt, „Zuversicht“ oder „Mit anderen Augen sehen“ erscheinen verzerrt, verschoben, gebrochen. Die Betrachtenden müssen sich diese Worte erarbeiten, ihre Lesbarkeit erschließt sich nicht sofort. Es ist ein Spiel mit Perspektive und Erkenntnis – auch ein Bild für unsere Gegenwart, in der Sinn oft nicht mehr auf den ersten Blick klar ist. Diese Arbeiten stehen exemplarisch für die Verbindung von Sinnsuche und Wahrnehmung, von innerem und äußerem Raum – und schlagen zugleich eine Brücke zu der Metapher einer Welt im freien Fall, in der Orientierung neu hergestellt werden muss.

Ein tiefes Interesse an den Zusammenhängen von Wahrnehmung und Raum zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Es ist ein zentrales Thema im Schaffen von Gisela Hoffmann: Manche ihrer Arbeiten konstituieren Raum, andere lösen ihn auf. Die Werke der Künstlerin spielen mit Schwellen und Übergängen und schaffen es, uns nicht nur visuelle Eindrücke zu vermitteln, sondern uns auf einer tieferen Ebene zu sensibilisieren – für die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir sie begreifen und wie sich unsere Wahrnehmung in Abhängigkeit von unserem Standort verändert.

Diese Erkenntnis ist in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Spaltung und sich teils konträr gegenüberstehenden, polaren Weltsichten besonders wertvoll. Die Werke von Gisela Hoffmann veranschaulichen auf subtile Weise, dass nicht nur der physische, sondern auch der soziale Raum, in dem wir uns bewegen, prägt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und interpretieren. In einer Gesellschaft, die zunehmend in Blasen von Meinungen und Interessen auseinanderdriftet, liegt die Herausforderung darin, die Übergänge und Schwellen zwischen unterschiedlichen Perspektiven zu erkennen und das Gemeinsame zu finden.

Und uns dabei von Gisela Hoffmanns Zuversicht inspirieren lassen. Denn bei aller Sorge bleibt sie nach eigener Aussage Optimistin. Auch wenn sich die Welt im freien Fall zu befinden scheint, begreift Hoffmann diesen Zustand nicht als Katastrophe, sondern als Einladung zum Wandel. Der Ohnmacht zu widerstehen, den Mut aufzubringen, sich von alten Mustern zu lösen und neue Realitäten anzuerkennen – das sind Strategien, die nicht nur individuelle Resilienz stärken, sondern auch kollektive Möglichkeiten eröffnen. In diesem Sinne kann der freie Fall auch eine Chance sein: eine Gelegenheit, stimmigere Ordnungen zu entwerfen und als Gemeinschaft neue Formen des Zusammenhalts zu erproben. Hoffmanns Kunst öffnet Räume, in denen solche Prozesse aus der sinnlichen Erfahrung heraus angedacht werden können.