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im spannungsfeld von linie und raum

eröffnungsrede im forum konkrete kunst, erfurt 2004

 

Wir eröffnen heute die achte Ausstellung in der Reihe "dazwischen".

Die Ausstellungsreihe hatte ihren Testlauf im Jahre 2002 mit der Präsentation der Ergebnisse eines internationalen Email-Symposiums mit Konkreten Künstlern. Die Möglichkeit, hier - innerhalb der ständigen Ausstellung, in Wechselwirkung mit den umgebenden Arbeiten - Werke oder Konzepte von Künstlern zu zeigen, erschien allen damals beteiligten Künstlern sehr interessant und ermutigte mich, diese Ausstellungsreihe zu installieren. Sie bietet Raum für experimentelle wie für klassische Arbeiten, ja die sogenannten Grenzfälle der Konkreten Kunst beleben die Diskussion und unterstützen die Argumentationen zu individuellen Positionen, und nicht zuletzt beleben diese Ausstellungen die ständige Präsentation, laden immer wieder aufs neue zu einem Besuch ein, ohne die ohnehin geringen Finanzen des Veranstalters gar so sehr zu strapazieren. Und ich glaube, dass wir bisher eine interessante Vielfalt der Konzepte erleben durften, die gerade auch das kleine Format bietet.

Heute nun zeigt Gisela Hoffmann Arbeiten - Arbeiten, die ein Teilgebiet ihres Werkes repräsentieren. Sie wurde 1963 in Burg auf Fehmarn geboren, studierte 1987 - 92 Freie Textilkunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, war anschließend Meisterschülerin und ist seit 1993 freischaffend, lebt in Roßtal, im Raum Nürnberg.

Sie erhielt bereits während des Studiums Preise und Auszeichnungen, arbeitet für Kunst am Bau, hatte zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland, aber bereits auch etliche Einzelausstellungen an interessanten Plätzen, so wird sie noch in diesem Jahr eine Installation im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt realisieren.

Ich lernte Gisela Hoffmann und ihr künstlerisches Konzept bei einem persönlichen Gespräch kennen und las erst dann, dass sie Textilkunst studiert hatte. Textilkunst - auch wenn Freie Textilkunst - kann irreführend sein, da man klassischer Weise die Gestaltung des textilen Materials erwartet: weben, applizieren, sticken u.ä. - wenn auch experimentell. Wir haben hier in Erfurt dazu ja sehr interessante, Ergebnisse bei den internationalen Symposien der Textilgruppe um Ute Herre gesehen.

Gisela Hoffmann verwendet aber das textile Material so wie jeder Plastiker sein gewähltes Material verwendet, um Räume, Volumen, Objekte, Reliefs zu schaffen. Und sie nutzt dafür auch nicht ausschließlich textile Materialien, sondern auch Acrylfolien oder -platten und weitere transparente Werkstoffe, arbeitet an und mit vorgefundenen Wänden usw.

Auffallend ist vom Beginn ihrer künstlerischen Arbeit - ja bereits beim Studium - ihr Interesse für den Raum, durchaus zunächst für konkrete Innen- oder Außenräume von Gebäuden und städtischen Situationen. Es entstanden interessante Installationen: Eingriffe, Neuorganisationen, das Bewusstmachen von Situationen, immer speziell geschaffen für einen Ort. Auffallend auch in ihrem Schaffen eine radikal reduzierte Formensprache bereits in den ersten Arbeiten - durchaus nicht typisch für junge Künstler, vielleicht Zeugnis von einer ausgeprägten Eigenständigkeit und Klarheit des künstlerischen Zieles. Ebenfalls charakteristisch für Gisela Hoffmann ist die Verwendung von transparenten, häufig auch flexiblen Materialien, die einerseits als Wände, als Begrenzungen eingesetzt werden, andererseits die Sicht auf das Dahinter möglich bleiben lassen, den Austausch von innen und außen, und nur ein Angebot, eine Andeutung zur Neuorganisation bieten und leicht und poetisch mit dem Raum umgehen.

Parallel zu diesen Installationen im und für den Raum entstehen aber auch Wandobjekte, bzw. -Installationen, in denen das Räumliche an sich thematisiert wird. Hier wird Raum begrenzt oder definiert durch schmale textile Bänder, gespannt über Metallstifte im rechten Winkel zur Wand, die so für das Auge auch Eigenschaften einer Linie annehmen - so dass mit der Bewegung des Betrachters ein Spiel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität entsteht und man sich fragt, wann spricht man noch von einer Linie, wann beginnt die räumliche Erfahrung. Formbildend für die Installationen sind hier ausschließlich Metallstifte, über die die Bänder gezogen sind, bei anderen Installationen sind es zusätzlich zwischen die Bänder gelegte kleine Metallkuben, deren Gewicht und Volumen die Bänder in eine gewünschte Form bringen und durch ihre Schwerkraft die Gegenspannung zu den Befestigungen an den Stiften bilden. So entsteht die Arbeit durch Spannung und Umlenkung der Kräfte - wird an der Wand realisiert - ist nicht ein außerhalb produziertes Objekt.

Ergänzt werden die Gedanken zur Räumlichkeit der Linie durch die Farbe und ihre Reflexion an der Wand, die 'Farbräume' entstehen lässt.

Das eben gesagte ist die analytische Betrachtungsweise des Konzeptes der Künstlerin. Sinnlich erleben wir ihre 'Raumlinien', 'Farbräume', 'Zwischen-räume', 'Raumdefinitionen' oder wie immer sie ihre Werke benennt als ein leichtes Spiel der Linien, als fließende, offene Räume, als diffizile Ballance zwischen Spannung und Harmonie. Und Kunst ist stets zunächst ein Angebot für die Sinne, aus dem sich die intellektuelle Auseinandersetzung ergeben kann.

 

Einige Installationen hat Gisela Hoffmann als Multiples gefertigt (die auch käuflich zu erwerben sind) und sie in ästhetisch höchst anspruchsvoller Weise in einer Schatulle verpackt, so dass man mit ihrem Erwerb in einen mehrfachen Kunstgenuss kommt.

Das verpackte Objekt ist als solches betrachtenswert, das Installieren nach Vorgabe der Künstlerin verschafft das erhebende Gefühl des Nachvollziehens des künstlerischen Schaffensprozesses und schließlich hat man das fertige Werk. Und wann immer man wünscht, kann man es wieder verpacken oder an der Wand realisieren, ähnlich wie man es von den japanischen Rollbildern kennt, die keineswegs immer den Raum schmücken, sondern einzig zum Kunstgenuss hervorgeholt werden.

Diese Stimmigkeit zwischen Werk und Verpackung, so dass schließlich ein eigenständiges neues Werk entsteht, beeindruckte mich und finde ich erwähnenswert. Und so bat ich Gisela Hoffmann, auch ein solches Multiple hier auszustellen

Gisela Hoffmann - eine noch junge Künstlerin - geht mit großer Sicherheit und Selbstverständlichkeit den Weg der formalen Reduktion, wählt Technik und Materialien entsprechend ihres geistigen Konzeptes - der Offenheit und Transparenz - und lotet die gestalterischen und technischen Möglichkeiten aus, bleibt aber auch offen für Entwicklungen und Ideen, die sich aus spezifischen Aufgaben oder durch wache Beobachtung ihrer Umwelt ergeben, legt sich nicht fest auf bereits Erprobtes. So realisierte sie z.B. auch vom Konzept groß angelegte Schriftarbeiten im Sinne der visuellen Poesie bei einem Projekt für die Bahn AG, scheinbar völlig andersartig, aber letztlich auch dem Raum und seinem Erlebnis verpflichtet.

Wir haben hier im FORUM KONKRETE KUNST wieder für einige Wochen ein neues Angebot, Zeugnis für die Vielfalt der künstlerischen Gedankenwelt, die uns immer wieder sensibilisieren sollte für die Wahrnehmung unserer Welt. Ich wünsche Ihnen viel Freude in der Ausstellung, bei Gesprächen mit der Künstlerin und vielleicht sogar mit einem Multiple von ihr.

Heidi Bierwisch

Forum für konkrete Kunst Erfurt

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