g  i  s  e l  a      h  o  f  f  m  a  n  n

l i n e a t u r e n

eröffnungsrede im galeriehaus nürnberg 2005

 

"fast nichts": so heißt die zweite ausstellung mit werken der flick collection, die vor rund einer woche im hamburger bahnhof in berlin eröffnet wurde. ein schöner titel, der sich auch für gisela hoffmanns ausstellung denken ließe. denn recht viel weniger geht kaum. dass aber weniger mehr sein kann, wissen wir natürlich alle. und suchen nach dem mehrwert des wenigen. wir finden ihn dort, wo wenig genügt, um viel zu sagen. wo etwas auf den punkt gebracht wird, ohne umschweife. in der präzision einer aussage. sei es eine definition, sei es ein kunstwerk.

doch wovon handeln die kunstwerke der gisela hoffmann? halten wir uns zunächst an den titel ihrer ausstellung: "lineaturen" trifft gewiss zu. denn die extrem schmalen, aber teilweise sehr langen textilen bänder erscheinen mit abstand gesehen wie körperlose linien. womit wir bereits beim zweiten teil des ausstellungstitels wären: "von der materialität zur immaterialität". dass die "geometrische linie ein unsichtbares wesen" ist, daran erinnert schon kandinsky in seiner schrift "punkt und linie zu fläche". deshalb sollten wir korrekt sein und davon sprechen, dass gisela hoffmanns bänder geometrische linien markieren. sie sind es nicht, sie bezeichnen sie. vorraussetzung dafür ist freilich handwerkliche präzision. bitte beachten sie, wie sehr die bänder bespannt sind, wie wenig sie durchhängen. als gäbe es keine schwerkraft.

doch "lineatur" ist kein synonym für linie, sondern meint die "linienführung". wohin führt die künstlerin ihre linien? über wände, aber auch in den raum hinein. gisela hoffmann zeichnet im raum. deutet offene und geschlossene flächen im raum an. konturiert sie, aber füllt sie nicht. lässt immateriell, was auch materiell zu denken wäre.

 

ihre strategie des "fast nichts" hat den vorteil, dass die solcher art definierten flächen die unendliche fülle anderer potentieller raumausschnitte erlebbar machen. in der summe also raum. raum aber nicht als leere, sondern unerschöpfliche fülle. gisela hoffmanns skulpturale kunst nimmt nicht raum, füllt nicht raum, verdrängt ihn nicht, sondern gibt ihn.

man kann aber auch fragen: wohin führen gisela hoffmanns linien?

denn ihre lineaturen sind das, was man heute site specific nennt, also ortsbezogen. die beiden bänder gegenüber dem eingang definieren einen raum, der sich von der fensterfläche und einer kante des bodenbelags ableiten lässt. das gleichschenklige, weiße dreieck ist in seiner höhe und damit breite auf eine fast unmerkliche kante der wand bezogen. die wie abgestellt wirkenden drei u-formen an der gegenüberliegenden wand spielen auf die treppe an. und das hochrechteck mitten im raum, das wie ein paravent erscheint, nimmt die richtung eines wandstücks auf. so führen die linien zu einer gesteigerten wahrnehmung dessen, was schon immer da war im raum. dazu gehören freilich auch all die misslichen notwendigkeiten wie steckdosen und strahler.

souverän ziehen gisela hoffmanns lineaturen jedoch schon im nächsten moment wieder alle aufmerksamkeit auf sich. auf ihr spiel mit licht und schatten, denn die diagonale ist ja nicht auf die wand gezeichnet, sondern verläuft mit minimalem abstand vor ihr. auf das farbige licht, das die bänder auf die weißen wände abstrahlen. auf ihre lichtdurchlässigkeit, die die farbe zum erstrahlen bringt.

und wenn man nun schon wieder so nahe an die linien herangetreten ist, dass sie sich in flächige bänder zurückverwandelt haben, stellt man fest, dass es sich um textile kunstwerke handelt. schon zu akademiezeiten in der klasse für textilkunst bei den professoren eusemann und herpich hatte gisela hoffmann ihr material gefunden: polyestergewebe, unendlich dicht gewebt. 120 fäden kommen auf den zentimeter. ein gewebe für den siebdruck. da es vom hersteller nur eine äußerst beschränkte farbpalett gibt, färbt gisela hoffmann ihr material selbst. "sublimationtransfer" heißt das verfahren. eigentlich auch ein schöner ausstellungstitel. gemeint ist siebdruck auf papier, dem transfermaterial. von dort wird die farbe durch bügeln, also hitze und druck, auf das gewebe übertragen.

gisela hoffmann arbeitet mit material, das man nicht unbedingt mit exaktheit und präzision identifiziert. und wie um dieses vorurteil zu illustrieren, hat die künstlerin ihr material in einfachen knäueln an die wand gehängt. da haben wir das formlose und chaotische, das gegenteil von geometrischer strenge.

bei dieser gelegenheit: gisela hoffmanns lineaturen mögen den anschein erwecken, dass hinter ihrer strengen form mathematisches kalkül steckt. ein spiel mit zahlen, das die formen und proportionen bestimmt und festlegt. doch so ist es nicht. kein fibbonacci, nirgends. und das ist auch gut so. ich zitiere: "bei meiner arbeit ist der gebrauch von zahlen und systemen völlig beliebig und zufällig. manche arbeiten haben zwar die gleichen maße, wenn gegen dieses maß generell nichts einzuwenden ist. häufiger jedoch werden diese arbeiten erst vermessen, wenn sie fertiggestellt sind. was ich tue, hat nichts mit geometrie zu tun und auch nichts mit deduktivem denken."

das zitat stammt nicht von gisela hoffmann, sondern von einem amerikanischen künstler, der genau zwanzig jahre älter ist als gisela hoffmann, und dessen werke pate gestanden zu haben scheinen für die lineaturen seiner jungen kollegin: ich spreche von fred sandback. bei einer kunst des "fast nichts" fallen natürlich auch kleine unterschiede stärker ins gewicht. sandback arbeitet mit acrylgarn, hoffmann wie gesagt mit bändern aus polyestergewebe. bänder mit fransigen rändern. weitere unterschiede ließen sich benennen, doch darum geht es mir jetzt nicht.

mir hat eine bemerkung von fred sandback zu denken gegeben, die sich im zusammenhang einer ausstellung, die im titel von immaterialität spricht, als einwurf verstehen lässt. sandback sagt: "ich mache keine "entmaterialisierte kunst". ich kompliziere konkrete situationen, und das ist genau so materiell wie alles andere. so wie es falsch ist, zu meinen, man käme an den kernpunkt, die idee einer sache heran, indem man von außen schicht für schicht abschält, so ist es auch falsch, davon zu sprechen, etwas könne "entmaterialisiert" werden.

ich kann fred sandback nicht widersprechen. da hat er recht. gisela hoffmanns ausstellungstitel "von der materialität zur immaterialität" erweckt dagegen den eindruck, das materielle ließe sich abstreifen, wie überflüssiger ballast auf dem weg ins reich der ideen, der einen form oder was man sich auch immer dort oben, fern von aller vergänglichen materialität vorstellen mag. dabei beweist die künstlerin doch durch die sinnliche präsenz ihres textilen materials mit den taktilen, da fransigen rändern, dass die materialität so übel gar nicht ist. also, nur mut! am ende der einbahnstraße bitte umkehren! " von der materialität zur immaterialität und zurück."

dr. thomas heyden

eröffnungsrede 30.09.05

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